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Die Trustnet Initiative

Trustnet Initiative

Die nächste Evolutionsstufe des Internets zu entwickeln, klingt nach einer extrem großen Aufgabe. Wie Bob der Baumeister muss man sich angesichts der Größe und Dimension dieser Aufgabe fragen: Können wir das schaffen? Angesichts des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzens, den die Trustnet-Vision verspricht, muss die Antwort lauten: Jo, wir schaffen das. Und zwar als Gemeinschaft.

Sechs Personen sitzen an einem runden Tisch. Um sie herum ist ein digitaler, blauer Schimmer.

Trustnet Community

Alles muss klein beginnen, jede große Innovation braucht Pioniere und wir starten die Trustnet Community nicht bei null. Ausgangspunkt der Community ist das Projekt ID-Ideal, mit 15 Mio.€ gefördert vom BMWK im Schaufensterprogramm „Sichere digitale Identitäten”1. Im Rahmen dieses Schaufensterprojektes wurde das Potential von Verifiable Credentials in Verbindung mit dem Prinzip der Selbstsouveränen Identitäten (SSI) untersucht und in Anwendungsszenarien der Kommunalverwaltung, der Industrie, der Mobilität und im Handel demonstriert. Unter Beteiligung der Akteure von drei weiteren, zeitgleich geförderten Schaufensterprojekten und der Begleitforschung wurden die Trustnet-Vision und die Roadmap zu deren Umsetzung entwickelt. Damit besteht die Trustnet Community nicht nur aus den 15 Partnern und 26 assoziierten Partnern des Projektes ID-Ideal. Sie verfügt auch über ein deutschlandweites Netzwerk, das die 40 direkten und 79 assoziierten Partner der drei BMWK-Schaufenster IDunion2 ONCE 3 und SDIKA 4 umfasst. Die bestehende Partnerstruktur beinhaltet:

  • Hochschulen und Forschungseinrichtungen

  • Technologie-Partner, ID-Services und Vertrauensdienste

  • IT-Abteilungen von Kommunen

  • Behörden

  • Anwender in Industrie und Wirtschaft, Banken und Finanzdienstleister

  • Experten für die Bewertung juristischer Sachverhalte

Technologisches Alleinstellungsmerkmal der bestehenden Community ist die Vorreiterrolle bei der Entwicklung und Umsetzung von Trustnet-Anwendungen und der zugehörigen Dateninfrastruktur inkl. der zugehörigen Produkt- und Service-Innovationen. In Summe ist das SDI-Schaufensterprogramm die weltweit größte F&E-Community im Themenbereich „Digitales Vertrauen“. Ausgehend von dieser F&E-Community gilt es nun, eine Innovationscommunity zu formen und Anwendungen in großer thematischer Bandbreite „auf die Straße“ zu bringen. In diese Community gilt es, Ministerien, Ämter und Behörden, Anwender aus der Wirtschaft, Interessenverbände und Akteure der Zivilgesellschaft zu integrieren, aber auch die Bürger der beteiligten Kommunen.

Handlungsfelder zur Etablierung des Trustnets

Für die Etablierung des Trustnets ist es wichtig, die notwendigen Handlungsfelder zu identifizieren. Deren Bearbeitung und Weiterentwicklung ist Aufgabe der Trustnet-Initiative:

Standards für ID-Lösungen

  • Public Administration Network



  • Business Network



Dateninfrastruktur

  • Best Practice für Vertrauensregister auf Ebene 1-4



Governance

  • Initiales Trust Framework



  • Governance Authorities Ebene 1 und 2



  • Governance auf Ebene 1 und 2



  • Zertifizierungsstellen für alle vier Ebenen



Produktinnovationen

  • OpenWallet Interoperabilitätslösung



  • Privacy Werkzeuge



  • Cloud-Wallet-Apps



  • Register-Schnittstellen zur Herausgabe von Registerauszügen als Verifiable Credential



  • Software zur Generierung von amtlichen Bescheiden und Bescheinigungen als VC



  • Entwicklung Anwendungssoftware für den automatisierten Umgang mit VCs im Rahmen der Digitalisierung von Anwendungsprozessen



Anwendungen

  • Digitalisierung erster Vertrauensdomänen (Credentials, Governance und Prozesse)



  • Digitalisierung / Automatisierung erster Anwendungsökosysteme / -prozesse



Community

  • Etablierung der Trustnet Community in Deutschland



  • Netzwerk Europäischer Multiplikatoren



  • Netzwerk internationaler Multiplikatoren



  • Etablierung neuer Geschäftsmodelle und neuer Datenökonomie



Rechtsrahmen

  • Identifizierung juristischer Innovationsbarrieren im Zuge der Entwicklung von Anwendungen



  • Initiierung von Reallaboren zur Erprobung von Anwendungen unter dem Schutz von Ausnahmegenehmigungen, Einfügen von Experimentierklauseln in bestehende Gesetze



  • Schrittweise Anpassung des Rechtsrahmens auf Basis der Ergebnisse der Reallabore



ID-Lösung für hoheitliche Akteure

Im ersten Schritt werden Behörden (z.B. das Einwohnermeldeamt) mit den nötigen technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen ausgestattet, um den weiteren Prozess der Einführung und Integration von digitalen Identitäten angehen zu können.
Trustnet Roadmap, Meilensteine für Best Practice Beispiele

Herausforderungen und Innovationsbarrieren

Neben den oben aufgezeigten maßgeblichen Aufgaben auf dem Weg zum Trustnet gibt es noch weitere ungelöste technische Entwicklungsschritte sowie technische, wirtschaftliche und juristische Innovationsbarrieren, die es zu beseitigen gilt. Beginnen wir mit den technischen Aspekten. Derzeit fehlt eine einheitliche Basis für die technische Interoperabilität, mit der eine beliebige Wallet-App, bestehend aus Wallet und Agent, in die Lage versetzt wird, verschiedene DID-Methoden und zugrundeliegende Dateninfrastrukturen (Blockchains, PKIs, DLTs …) auf Ebene der Basistechnologien anzusprechen. Hier ist dank der Open Wallet Foundation Licht am Ende des Tunnels. Jeder Akteur, der die Entwicklung einer Wallet-App plant, egal ob auf nationaler Ebene, auf EU-Ebene oder aus dem privatwirtschaftlichen Sektor, sollte diese technische Interoperabilität zur eigenen Maxime erheben. Für die auf der rechten Seite des Trustnet Stacks dargestellten vertrauenswürdigen Register auf Ebene 1 bis 4 gibt es zwar konzeptionelle Überlegungen, aber derzeit noch keine Best Practice Beispiele in der Praxis. Hier ist noch Pionierarbeit zu leisten. Gleiches gilt für Produktinnovationen wie Privacy Werkzeuge und Cloud-basierte Wallet-Apps. Die Trustnet Community Plattform befindet sich noch im Aufbau. Ergänzend sind eine Transfer-Plattform für Produkte und Services sowie eine Weiterbildungsplattform in Arbeit. Jeder, der hier mitwirken möchte, ist herzlich eingeladen. Wie bei vergleichbaren Initiativen ist eine demokratische Organisation der Community erforderlich. Wer bei der Kanonisierung von Regelwerken und Standards mitbestimmen möchte, muss auch einen Beitrag zur Finanzierung der erforderlichen Strukturen leisten.

Innovationsbarriere 1: Die noch geringe Entwicklungsreife

20 bis 30 Jahre wird die weltweite Durchsetzung des Trustnets dauern. Das heutige Internet entstand auch über Dekaden. Die Internet-Pioniere konnten höchstens ahnen, wie sehr ihre Entwicklung die Welt verändern würde. Ähnlich sieht es heute mit dem Trustnet aus. Aber irgendjemand muss vorangehen. Wir haben die Vision, wir haben das Know-how, wir haben die Roadmap. Und die EU trägt ihren Teil bereits dazu bei, die Nachfrage zu generieren. Mit der eIDAS-Novellierung wird derzeit ein Rechtsrahmen erarbeitet, der ab 2025 für alle Kommunen verpflichtend wird und damit einen Teil des künftigen Trustnets juristisch erzwingt. Im Zuge einer Anfrage der CDU/CSU im Bundestag ist nun neben eID und EUDI-Wallet auch das Thema der digitalen Organisationsidentitäten auf die politische Tagesordnung gekommen. Doch die Regulatorik betreffend die digitalen Identitäten ist nur eins von vielen Puzzle-Teilen, die an die richtige Stelle gesetzt werden müssen. Die aktuelle Entwicklungslandkarte (siehe Abb.) enthält noch viele weiße Flecken, sowohl die Technologie betreffend, als auch in Bezug auf Anwendungen und die dafür erforderliche Infrastruktur, wobei jeweils die Governance (Regelwerk) und Rechtsrahmen mit entwickelt werden müssen. Diese weißen Flecken gilt es, schrittweise zu beseitigen.

Abb.2: Aktuelle Technologiekarte des Trustnet

Innovationsbarriere 2: Glaubwürdigkeit und Akzeptanz

Die zweite große Barriere ist psychologischer Natur - die schiere Dimension der Gesamt-Aufgabe und die vielen Zweifel, die eine Vorreiter-Region ausräumen muss, innen und außen. Häufig erhalten wir bei einer Präsentation die Antwort: „Das machen doch bestimmt die großen Internet-Konzerne.“ Nein, machen sie nicht. Das macht nur eine Trustnet Community. Genau wie die Energiewende ist auch die Entwicklung des Trustnets eine Gemeinschaftsaufgabe von Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Verwaltung. Und der Nukleus der Trustnet Innovationscommunity hat genau diese Zusammensetzung.

Innovationsbarriere 3: Der aktuelle Rechtsrahmen

Unabhängig von der eIDAS-Verordnung, die die Verwendung digitaler Identitäten natürlicher Personen und perspektivisch auch von Organisationen regelt, ist der erforderliche Rechtsrahmen für viele Trustnet-Anwendungen nicht vorhanden bzw. ist der aktuelle Rechtsrahmen nicht passend. Schriftformerfordernis oder Zweckbindung von Dokumenten limitieren oder verhindern derzeit noch häufig den Einsatz von digitalen Nachweisen. Einen Teil dieser Hindernisse räumt das geplante Bürokratieentlastungsgesetz zumindest in Deutschland hoffentlich aus, aber es steht aufgrund der Komplexität des Rechtsrahmens zu erwarten, dass viele juristische Innovationsbarrieren für das Trustnet auf Ebene der EU, des Bundes, der Länder, der Landkreise und Kommunen diese geplante „Entrümpelung“ überleben und sich erst bei der Umsetzung von Anwendungen in der Praxis offenbaren.

Herangehensweise:

Die Herangehensweise der Trustnet Innovationscommunity zur Überwindung der noch geringen Entwicklungsreife besteht im schrittweisen Füllen der weißen Flecken der Entwicklungslandkarte im Zuge der Pilotierung, praxistauglichen Realisierung sowie Skalierung von Anwendungen in Verwaltung, Industrie, Handel, Mobilität und anderen Bereichen digitaler Interaktion. Dafür sollen anhand der o.g. Roadmap gezielt Best Practice Beispiele für Technologie, Governance und Infrastruktur entwickelt werden, welche als Grundlage für den Transfer in andere Anwendungsgebiete dienen können. Die Roadmap soll fortlaufend innerhalb der Trustnet Community aktualisiert werden, um der technologischen und politischen Entwicklungsdynamik Rechnung zu tragen. Für die geografische Erweiterung der Community erfolgt der Transfer dieser Best Practice Beispiele nach einem Frontrunner-Follower-Ansatz. Die dafür erforderliche Glaubwürdigkeit und Akzeptanz erlangen wir durch Sichtbarkeit und Nachweis der Praxistauglichkeit breitenwirksamer, niederschwelliger Anwendungen. Im Rahmen der Vorarbeiten entstanden bereits digitale Pilotanwendungen, wie Sozialpass, ÖPNV-Tickets, digitaler Produktpass, eBon oder Grünstrom-/CO2-Zertifikate. Weitere Use Cases erreichten den Demonstrator-Status. Technologie- und Anwendungsreife dieser Piloten sollen durch Feldtests, Erklärvideos und Hands-on-Demos in der Praxis erlebbar gemacht werden. Die Entwicklung des Trustnets erfordert auch eine Innovation des Rechtsrahmens. Zum Zwecke der Erprobung technologisch basierter Innovationen, die mit dem aktuellen Rechtsrahmen kollidieren, gibt es das politische Instrument der Reallabore. Hier wird mit Hilfe von Experimentierklauseln und Ausnahmegenehmigungen kurzfristig die Möglichkeit geschaffen, Erkenntnisse zu gewinnen, ob und in welcher Form eine Anpassung des Rechtsrahmens sinnvoll ist. Natürlich gibt es bei der Planung eines Reallabors noch etliche weitere Aspekte zu berücksichtigen, um das politische und verwaltungsseitige Erkenntnisinteresse sowie die Interessen weiterer Stakeholder zu befriedigen. Für das erste Reallabor zum Use Case „Digitales Bürgerbegehren“ wurde daher im Rahmen der Vorarbeiten ein Prozess entwickelt, der im Zuge des ersten Community Projektes der Landeshauptstadt Dresden in Anwendung kommen und Basis für weitere Reallabore sein soll. Hierzu sind wir seit Frühjahr 2023 mit der sächsischen Staatskanzlei und der Landeshauptstadt Dresden in Abstimmung. Derzeit konkretisieren mehrere Juristen den initialen Bedarf für weitere Reallabore. Unabhängig von der Bottom-up-Entwicklung der Trustnet Community muss das Thema Trustnet auf die politische Agenda. Die aufgezeigten Baustellen und Innovationsbarrieren machen deutlich, dass sich der gesellschaftliche Nutzen des Trustnets nicht von allein erschließt. Entwicklung und Aufbau des Trustnets müssen als komplexes gesellschaftliches Innovationsprojekt betrachtet werden mit Aufgaben für alle politischen Ressorts. Deutschland braucht eine Trustnet-Strategie. Die Alternative wäre digitale Bedeutungslosigkeit und das können nur diejenigen wollen, die vom aktuellen Betrugs- und Missbrauchspotential im digitalen Raum profitieren.

Fußnoten

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